Ich schlendere über den Cottbuser Weihnachtsmarkt. Es riecht nach gebrannten Mandeln und Glühwein. In der Mitte der Sprem reiht sich eine Holzhütte an die nächste. Weihnachtsmusik schallt durch die Luft, wird aber vom Gemurmel der Menschen getrübt.

Ich fühle mich in meine Kindheit versetzt, als ich zu jeder Jahreszeit mit meiner Oma hier entlanggelaufen bin.

Zwei Personen winken mir zu. Ich winke zurück und lächle.

Ich: Hey. Tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich hab erst keinen Parkplatz gefunden.

Rebecca: Ging uns genauso. Ich hätte das Auto am liebsten bei meiner Tante gelassen. Aber Callum will nach unserem Treffen gleich nach Hamburg zurück.

Er reicht mir eine Tasse. Ich schnuppere daran.

Callum: Es ist Punsch – ohne Schuss. Ich weiß doch, dass du noch fahren musst.

Er schaut sich um.

Callum: Wo ist dein Mann?

Ich: Pokémon spielen.

Rebecca kichert.

Callum: Mann … dann hätten wir uns ja anfreunden können.

Ich verziehe mein Gesicht.

Ich: Das ist ein Interview.

Callum zuckt mit der Schulter.

Callum: Dann leg mal los mit deinen Fragen.

Rebecca: Cal … sei doch mal nett.

Er verdreht die Augen.

Ich: Becky? Wie ist es wieder hier zu sein?

Sie schaut sich um.

Rebecca: Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Seit meinem letzten Besuch hat sich kaum etwas verändert. Zumindest an der Stadt. Ich hingegen bin nicht mehr dieselbe.

Ich: Inwiefern?

Rebecca: Ich bin keine Studentin mehr. Oder Berufseinsteigerin. Ich trage jetzt Verantwortung. Beruflich und Privat.

Ich: Callum? Wie gefällt es dir hier?

Callum: Gut. Es ist … anders als L.A. oder Montana. Ich kann es schwer beschreiben.

Ich: Möchtest du wiederkommen?

Callum: Auf jeden Fall!

Er streichelt über Rebeccas Rücken.

Callum: Wir hatten nicht viel Zeit, um uns alles anzuschauen, was Becca mir zeigen wollte. Die Beerdigung von ihrem Onkel hat uns auch einen Dämpfer gegeben.

Ich: Mein Beileid, Becky.

Sie lächelt schwach.

Rebecca: Es gab schon deutlich schwerere Beerdigungen für mich.

Callum legt einen Arm um sie.

Es herrscht einen Moment betretendes Schweigen.

Rebecca: Meine Cousine hat uns im Sommer zur Einschulung ihrer Tochter eingeladen. Sie möchten alle unbedingt AJ kennenlernen. Deshalb überlegen wir schon, ob wir eher hierherfahren. Zu Ostern oder so.

Ich: Kommt mal lieber zu Himmelfahrt oder Pfingsten. Da ist das Wetter bestimmt deutlich besser. Ostern ist immer so ein Roulette Spiel.

Callum: Du musst es ja wissen.

Ich strecke das Kinn vor.

Ich: In einem Hotel, in dem ich mal gearbeitet habe, waren die Buchungen tatsächlich sehr wetterabhängig. Sobald schönes Wetter angesagt war, trudelten die Buchungen nur so ein.

Rebecca: Ich arbeite auch lieber bei schönem Wetter. Warum soll es beim Verreisen anders sein?

Ich: Stimmt. Aber bist du denn noch oft auf Baustellen unterwegs?

Rebecca: Leider nicht mehr so oft wie früher. Aktuell sitze ich die meiste Zeit in Meetings, meinem Büro oder am Reißbrett.

Callum: Letztens hast du dich darüber beschwert, dass du bei starkem Wind raus musstest.

Rebecca: Weil ich dadurch meinen ganzen Tagesplan umstellen musste.

Ich: Blöd die Chefin zu sein, was?

Sie schnauft.

Rebecca: Manchmal schon.

Callum: Zuhause ist sie allerdings gerne der Boss!

Sie wirft ihm einen tödlichen Blick zu. Ich muss deshalb lachen.

Rebecca: Wenn du AJ nicht immer so einen Sch*** beibringen würdest, müsste ich dich nicht so anschnauzen.

Callum: Wir albern nur rum.

Sie hebt eine Braue.

Callum: Na gut. Manchmal übertreiben wir es.

Er schaut auf seine Uhr.

Callum: Waren das alle Fragen?

Ich: Wieso?

Callum: Weil wir noch was vorhaben.

Rebecca: Es ist eine Überraschung von Cal.

Ich schmunzle.

Rebecca: Du weißt es also?

Ich: Klar. Ich bin eure Autorin.

Er verschränkt seine Arme und tritt näher an mich heran.

Callum: Dann sind wir ja schon beim richtigen Thema, Frau Autorin. Ich möchte, dass du ein paar Sachen änderst.

Ich: Hä?

Callum: Die Sache mit Paul erinnert mich zu stark an Zwischen deinen Lines. Streich es.

Ich: Nee!

Callum: Komm schon … Becky wollte nie was von ihm. Lass das Drama weg.

Rebecca: In ihrer ersten Version hatten wir lockeren S*x.

Er starrt uns abwechselt an.

Callum: Streichen!

Ich seufze.

Ich: Mal sehen. Was noch?

Callum: Vegas. Lass uns bitte nicht in einer dieser trashigen Kapellen enden.

Ich: Aber ihr heiratet doch gar nicht …

Callum: In Vegas kommen die Leute auf die verrücktesten Ideen.

Ich grinse.

Ich: Keine Sorge. Ihr werdet nicht in Vegas heiraten.

Er atmet auf. Danach zieht er einen Zettel aus seinem Mantel.

Ich: Du hast eine Liste gemacht?!

Rebecca: Er hat sich, wie auf einen Dreh vorbereitet.

Meine Kinnlade klappt herunter.

Ich: Aber euer Manuskript ist doch noch überhaupt nicht fertig.

Callum: Deswegen nutze ich die Möglichkeit und schlage dir Änderungen vor.

Ich: Das kann ja heiter werden … lass mich raten? Becky soll dich nicht so lange zappeln lassen, obwohl klar ist, dass ihr euch heiß findet?

Callum: Nein … das würde der Dramaturgie schaden. Es geht eher um die …

Ich: … Ohrfeige?

Callum: Ja.

Ich: Nope. Die wird garantiert nicht gestrichen. Da musst du durch.

Rebecca grinst ihn an.

Rebecca: Was hab ich dir gesagt?

Callum: Es war einen Versuch wert.

Ich: Noch was?

Er überfliegt das Blatt und reicht es mir dann.

Ich staune. Cal hat eine Menge zusammengetragen. Ich erkenne ein paar Punkte, die ich sowieso ändern will.

Callum: Und?

Ich: Vielleicht setze ich einige Vorschläge um. Aber nur vielleicht.

Sein strahlendes Filmlächeln blendet mich ein bisschen.

Ich: Hör auf, mich um den Finger wickeln zu wollen.

Er lächelt breiter.

Ich: Callum …

Rebecca: Und da wunderst du dich, dass ich ihm nicht widerstehen kann?

Ich: Hauptsache er bringt das hier nicht meinem Mann bei …

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