Ich schaue mich in der Wohnung um. Der Charakter der alten Industriehalle war erhalten geblieben. Verklinkerte Wände. Hohe Fenster. Und doch wirkt alles warm. Was sicherlich an der Weihnachtsdeko liegt.
Jonah kommt mit einer dampfenden Tasse auf mich zu.
Ich schnuppere daran.
Ich: Heiße Schokolade?
Jonah: Ja, laktosefrei. Nur für dich.
Ich lächle.
Ich: Sehr großzügig von dir.
Jonah: Sagen wir einfach, dass ich dich ein bisschen einlullen will.
Ich lache.
Ich: Wir wollten über euer Weihnachtsfest sprechen. Nicht über meine Unfähigkeit eure Geschichte zu Ende zu schreiben.
Jonah: Warum nicht beides?
Die Tür öffnet sich und Anna kommt mit mehreren Tüten hinein. Lily erscheint hinter ihr. Mit noch mehr Geschenktüten.
Jonah: Anna, das ist nicht dein Ernst?
Sie stellt alles ab, geht auf ihn zu und küsst ihn. Lily hinter macht dabei angewiderte Geräusche. Ich muss mir das Lachen verkneifen.
Lily: Ich geh mit Lucky raus.
Anna: Nimm bitte Timmy mit.
Lily stöhnt. Sie geht aus dem Zimmer.
Anna umarmt mich.
Ich: Nicht so fest!
Anna: Wir haben uns so lange nicht gesehen. Da muss ich die Gelegenheit nutzen.
Timmy: Mami! Lily ist gemein!
Lily: Du willst dich doch nicht anziehen!
Timmy: Du hilfst mir nicht!
Lily: Du bist schon drei! Du kannst das allein!
Timmy: Mami!
Anna schnauft. Sie schließt die Augen. Jonah streichelt über ihren Rücken.
Jonah: Nicht einmischen.
Anna atmet tief durch.
Jonah: Wir sind vom Thema abgekommen, Julie. Was hält dich vom Schreiben ab?
Ich: Aber ich schreib doch. Fast jeden Tag.
Anna: Nur nicht an unserer Geschichte.
Ich seufze. Anna setzt sich auf meine andere Seite. Sofort fühle ich mich wie bei einem Verhör. Umzingelt von zwei Verhörspezialisten.
Ich: Es fällt mir schwer, mich auf eure Geschichte einzulassen. In die Story einzutauchen. Ich weiß, wohin es gehen soll. Doch ich seh den Weg dorthin nicht.
Jonah: Und was könnte dir helfen?
Ich: Mehr Struktur und Feedback.
Anna: Mehr Struktur? Im Sinne von Plotten?
Ich: Nee. Ich muss meinen Schreiballtag besser strukturieren. Mir mehr Freiraum zum Schreiben verschaffen. Aktuell raubt mir das Marketing viel Zeit. Durch bessere Planung in 2024 will ich das ändern.
Jonah: Und das Feedback?
Ich: Meine Lektorin hilft mir hoffentlich das Loch zu füllen oder gibt mir ein paar Tipps, was ich weglassen könnte. Aber ich hab schon ein paar Ideen für die Anmerkungen meiner Testleserin.
Anna: Du hast eine Testleserin?
Ich: Ja … ich brauche jemanden, der unvoreingenommen darauf blickt. Ich leide bei euch unter starken Selbstzweifeln. Aber bisher findet sie es gut.
Lily und Timmy kommen ins Zimmer. Sie schlüpfen in ihre Stiefel und verschwinden mit Lucky aus der Tür.
Jonah: Siehst du? Sie haben sich eingekriegt.
Anna: Dieses Gezanke geht mir trotzdem auf den Geist.
Jonah: Corinna meinte, dass ihr genauso wart.
Anna verdreht die Augen.
Ich: So ist das eben mit Geschwistern. Kann ich nur bestätigen.
Jonah: Du bist die Älteste, richtig?
Ich: Ja. Aber ich hab mich nie als Einzelkind gefühlt, weil ich mit meiner Großcousine und meinem Großcousin aufgewachsen bin. Sie sind nur vier und ein Jahr älter.
Jonah: Mann … ich beneide euch.
Ich: Sag das nicht zu laut.
Jonah: Wieso? Schreibst du mir dann einen verschollenen Bruder?
Ich: Nee. Außerdem hast du ja mehrere Brüder im Geiste.
Anna: Viel zu viele.
Jonah: Wir haben doch gesagt, dass wir uns dieses Jahr nichts schenken.
Anna: Nur, dass wir uns als Einzige daranhalten wollten.
Jonah stöhnt genervt.
Ich kichere.
Jonah: Das ist nicht witzig.
Ich: Doch. Ist überall das Gleiche. Wir machen diese Abmachung auch jedes Jahr und trotzdem stehen dann wundersamerweise unterm Baum Geschenke.
Anna lacht.
Anna: Na super. Hast du alles?
Ich verziehe das Gesicht.
Anna: Also nein.
Ich: Bei meinem Vater ist es jedes Mal ein Krampf. Wahrscheinlich wird es wieder ein Gutschein. Für meinen Schwiegervater hab ich noch ein Last-Minute-Geschenk gefunden. Für meinen Mann und meine Schwiegermutter kaufe ich meistens schon während des Jahres immer mal wieder etwas.
Jonah: Das ist clever.
Ich: Manchmal sehe ich eben etwas und denke mir, das könnte demjenigen gefallen.
Anna: Also kaufst du es.
Ich nicke.
Jonah: Das sollten wir uns merken.
Anna: Hm.
Ihr Blick fixiert mich.
Anna: Und Julie? Wirst du unsere Story nächstes Jahr beenden?
Ich: Keine Ahnung. Ich hoffe es. Aber versprechen will ich es nicht.
Die beiden wirken nicht zufrieden.
Ich: Eure Geschichte bedeutet mir eine Menge und ich will sie nicht irgendwie beenden. Sondern richtig. Dafür brauche ich eben Zeit und Ruhe. Wenn ich eines aus dem letzten Jahr gelernt habe, dann ist es, dass ich unter Druck nicht kreativ arbeiten kann.
Anna: Deshalb willst du dich auch besser organisieren. Ich versteh das. Aber wir wollen auch nicht länger in deiner Schublade versauern.
Jonah: Schließlich schiebst du jetzt zwei weitere Veröffentlichungen vor uns.
Anna: Und wenn die Devils-Reihe gut läuft, wirst du an den weiteren Teilen arbeiten.
Jonah: Und wer weiß, was du sonst noch planst.
Ich: Beruhigt euch. Ihr seid auf meiner Prioritätenliste sehr weit oben. Ja, ich werde nach dem ersten Devils-Teil gleich mit dem Zweiten weitermachen. Aber nach Arizona ist nichts geplant.
Anna runzelt die Stirn.
Jonah: Du willst dann nicht weitermachen?
Ich: Arizona an sich ist abgeschlossen. Auch wenn die Protagonistin eines anderen Buches erwähnt wird. Aber diese Geschichte braucht noch Zeit, um zu wachsen.
Anna: Also sind wir in der Rangliste Nummer 4?
Ich wippe mit dem Kopf hin und her.
Ich: Kommt darauf an, wie die Feedbacks ausfallen. Vielleicht plane ich den zweiten Devils-Teil, während ich eure Geschichte fertigstelle. Mal sehen. Aber theoretisch steht ihr an Platz 4 mit Tendenz zur 3.
Jonah: Also ein weiteres Jahr?
Ich: Kommt ungefähr hin.
Anna: Und die weiteren Teile?
Ich seufze.
Jonah: Brauchst du für die auch jeweils 10 Jahre?
Ich: Nein! Aber ein bis zwei Jahre bestimmt. Denn schließlich will ich mich gerade beim zweiten Teil absichern.
Anna: Du könntest auch über ein anderes Thema schreiben.
Ich: Will ich aber nicht.
Jonah: Na dann hoffe ich mal, dass bei dir am Ende keine Scheiben eingeschlagen werden.


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